Mittwoch, 5. Oktober 2016

Unterschätzte Langhaarikonen, Folge 1: Annie Jones

Auf gutes Gelingen!
Ich neige generell nicht so zum Fansein und zur Heldenverehrung, finde aber, dass Sissi, Lady Godiva und Co. zum Einen in den Haarforen exzessiv durchgekaut wurden und zum Anderen weniger ...prinzessinenhafte Extremlanghaars wie Boudicca, Blanche Thebom, Colette oder die Freakshow-Damen wie beispielsweise Hanka Kelter und Madame Milo sträflich vernachlässigt werden.


Daher möchte ich an dieser Stelle eine neue Serie beginnen.
















Beginnen möchte ich mit Annie Jones, einer zu ihrer Zeit berühmten bärtigen Dame.
Neben ihrer "Hauptattraktion", dem dichten dunklen Voll- und Schnurbart, hatte Missus Jones auch prachtvolles, dichtes Haar.



















Quellen zufolge waren ihre Kopfhaare "over 6' in length" - mehr als 1,80 m lang.











Annie Jones wurde am 14.07.1865 in Virginia geboren und tourte bereits mit 9 Jahren mit dem berühmt-berüchtigten Zirkusdirektor PT Barnum, der ihren Eltern dafür ein seinerzeit durchaus fürstliches Honorar von wöchentlich 150 $ bezahlte.









"Zirkus" war damals wohl weniger Clowns, edle Pferde und Akrobatinnen in Glitzerstrumpfhosen, sondern eine Kombination aus Zoo, Museum, Nepp und Freakshow - eher American Horror Story als Cirque du Soleil.
















Beworben wurde sie als kindlicher Esau und bärtiges Mädchen, da sie schon mit 5 Jahren Koteletten und einen Schnurrbart hatte.



















Im Laufe ihres Lebens wurde Annie Jones zur berühmtesten bärtigen Lady der vereinigten Staaten und tourte auch durch Europa.





















Jones fungierte als Sprecherin für Barnums "Freaks", ein Wort, das sie zeitlebens ablehnte, und war zweimal verheiratet.

























Annie Jones, die häufig in sehr femininen Kleidern und mit Blumen im sorgfältig gepflegten und frisiertem Haar posierte, auf einigen Bildern für die damalige Zeit sogar recht gewagt als bärtiges Jahrhundertwende-Pinup Girl, war jedoch nicht nur eine ungewöhnliche Erscheinung und trotz ihres dichten, ebenfalls gepflegten Vollbartes eine durchaus attraktive Erscheinung, sondern, Zeitgenossen zufolge, auch eine gebildete Frau und talentierte Musikerin.
















Auch ihre guten Umgangsformen machten sie zu einer durchaus respektablen Person.

 Sie starb als wohlhabende Frau am 22.10.1902 in Brooklyn an der Tuberkulose.












Na? War doch jetzt interessanter und inspirierender als ewig der gleiche wiedergekäute Schulaufsatz über Elisabeth von Österreich* ala "ich will auch eine wunderwunderschöne Prinzessin/Elfe/Kaiserin sein, wenn ich mal groß bin", oder?


*Elisabeth, genannt Sis(s)i, hatte zwar wunderbares, knöchellanges Haar, dass von einer fürstlich bezahlten und streng überwachten Meisterfriseurin (Fanni Feifalik) gepflegt und kunstvoll geflochten und aufgesteckt wurde und galt als ausnehmend schöne Frau, sie hatte jedoch auch Essstörungen und litt unter Narzissmus (besonders auf ihr Haar und ihre schlanke Figur bezogen) und Frigidität. Davon ab war sie eine hochgebildete Frau, die in kürzester Zeit fließend Ungarisch lernte (eine sehr schwierige Sprache für deutsche Muttersprachler, habe ich mir aus zuverlässiger Quelle sagen lassen; von jemandem, der Russisch als Lieblingsschulfach hatte und das easypeasy fand) und zwischen den Ungarn und Österreich durch Geschick, respektvollen Umgang mit dem ungarischen Volk und Charme vermitteln konnte. Dafür seien ihr ihre schrecklichen Gedichte verziehen.
Auch Elisabeth war viel mehr als nur eine schöne Adelige mit sehr langen Haaren, und beileibe nicht die zuckersüße Märchenprinzessin aus den Sissi-Filmen.
Es gibt einige sehr gute Biographien, die sich auch mit ihren psychischen Problemen und ihrem Narzissmus beschäftigen, ohne ihren politischen Einfluss und ihren scharfen Verstand aus den Augen zu verlieren.
Eigentlich hätte Sisi doch ihren eigenen Beitrag verdient, wenn ich mir das so recht überlege.