Donnerstag, 13. Oktober 2016

Unterschätzte Langhaarikonen, Folge 4: Colette

Und wir begeben uns wieder aus den Zelten der Sideshow und besuchen heute eine Schriftstellerin, Journalistin und Varieté-Künstlerin.

Zartbesaiteten Pflänzlein, die grade eben erst die wohlerzogenen und anständigen Sideshow-Damen Annie Jones und Henrietta Kelter unter Qualen verwunden haben, möchte ich an dieser Stelle bitten, hier abzubrechen, den Rest der Reihe zu überspringen und stattdessen süße Katzenbilder anzuschauen...

Denn unsere heutige Heldin, Colette, war zwar die erste Frau, die in Frankreich ein Staatsgebräbnis erhielt und viele sehr schöne Bonmots über Katzen geprägt, sie war aber wirklich nicht ohne und beileibe keine liebe Langhaaruschi, die lustige, harmlose Sachen schreibt und dabei ihre Katzen streichelt.

Denn Colette war skandalös.

Sie widersetzte sich allen damaligen Normen; als junge Frau schnitt sie sich ihr vorher provozierend langes Haar, sie hatte Affären mit Männern und Frauen, arbeitete als Journalistin und tanzte in Varieté-Shows.


Geboren 1873 in Burgund als Sidonie-Gabrielle Claudine Colette erhielt sie zwar keine ordentliche Schulbildung, wurde jedoch von ihren kulturell bewanderten und intelligenten Eltern gut unterrichtet.

Im Alter von 16 Jahren lernte sie ihren späteren Ehemann, den 30jährigen Henry Gauthier-Villars kennen, den sie drei Jahre später heiratete.

Schnell erkannte er ihr Schreibtalent und förderte es - die "Claudine-Romane" entstanden.
1903 ließ sich Colette von ihrem Ehegespons "Willy" schließlich nach zahlreichen Seitensprüngen scheiden.
Auch jetzt noch erwies sich Gauthier-Villars als Charakterschwein: er sicherte sich die Autorenrechte an den populären Claudine-Romanen; Colette sah lange keinen Pfennig für ihr Werk.

Nach ihrer Scheidung wohnte Colette einige Zeit bei ihrer Freundin Natahlie Clifford Barney, einer reichen
und exzentrischen Erbin.
Zwischen den beiden Frauen entwickelte sich eine kurze und heftige Liebesbeziehung, die in lebenslanger Freundschaft ein gutes Ende fand.

Ab 1906 trat Colette als Varieté-Künstlerin auf, oft mit der etwas älteren Mathilde de Morny, genannt Missy.
Ein Bühnenkuss der beiden im Moulin Rouge führte zu einem Tumult, bei dem die Polizei eingreifen musste, und fortan hielten die beiden Künstlerinnen ihre Beziehung geheim.

1909 begann sie mit einem neuen, autobiographischem Roman (Die Vagabundin), in dem sie ihr Leben als enttäuschte Ehefrau, Varieté-Star und ihre Affären verarbeitete.
Dieser Roman war ihr Durchbruch als Autorin und verhalf ihr zur Arbeit als Journalistin.

Ab 1911 lebte sie nun mit dem Chefredakteur der Zeitung, Baron Henry de Jouvenel des Ursins, zusammen, den sie ein Jahr später heiratete.

Wieder ein Jahr, 1913, später nahm sie abermals das Thema "Varieté" auf und  schrieb „Die Kehrseite des Variétés“.

Im gleichen Jahr wurde Colette Mutter einer Tochter.

1917 begann sie abermals einen neuen Roman („Mitsou, oder Wie den jungen Mädchen ein Licht aufgeht“), der 1919 erscheinen sollte, und Die Vagabundin wurde verfilmt.

1919/1920 nun schrieb Colette ihren vielleicht berühmtesten (und berüchtigsten) Roman; in Cheri geht es um die Liebe zwischen einer älteren Frau zu einen ziemlich jungen Mann.
Auch dieser Roman war autobiographisch - die mittlerweile 46 Jahre alte Colette hatte eine Affäre mit ihrem 16jährigen Stiefsohn.

1922 nahm sie das Thema "Liebe zwischen Teenager und reiferer Frau" ein weiteres Mal auf - diesmal jedoch ging es um eine lesbische Affäre.
Dieser Roman erschien, begleitet von moralischer Entrüstung und Bah-wie-kann-man-nur, erstmals unter
ihrem verkürzten Namen; aus  Sidonie-Gabrielle Claudine Colette wurde schlicht Colette.

Nach der Trennung von Baron und Stiefsohn heiratete Colette 1935 nach zehnjähriger Beziehung den Perlenhändler Maurice Goudeket

Sie starb am 3. August 1954 in Paris.