Sonntag, 6. November 2016

Niederrhein 40er-60er - Haarpflege und -styling auf dem Dorf

Angefangen hat dieser Post als Eintrag in meinem LHN-TB, aber dann bin ich abgeschweift, und bevor es zu OT wird, füttere ich den Blog damit. ;)
Das ist eindeutig keine wissenschaftlich orientierte Abhandlung, sondern anekdotisch; ich kann nur schreiben, was mir ältere Familienmitgleider erzählt haben.
Daher schweife ich auch gefühlte 1000mal ab...
 

Da heute Waschtag ist und ich einen drei Tage alten Holli aufgedröselt habe, habe ich ein glycerinhaltiges Leichtkämmspray für Kinder, Isana 13in1 Irgendwaspampe und Balea Leave-In auf dem Kopp.
Fühlt sich jetzt sehr, sehr fies an beim Reingreifen, fettig-matschig-klebrig halt, aber erfahrungsgemäß sind die Zotteln nach dem Waschen wieder schön.
Die Flechtwellen nach drei Tagen waren dermassen schön definiert, als hatte ich sie mit der Ondulierzange reingebrannt.

Apropos Ondulierzange/-eisen: meine eine Uroma mütterlicherseits hatte so eins; erst in den 1990ern, als sie längst tot war, ist es bei der Haushaltsauflösung meiner Oma mit auf den Müll geflogen. Schade eigentlich, man hätte es dem Grafschafter Museum vermachen oder an Sammler verkaufen können.

Ebay war zu dem Zeitpunkt ja noch kein Thema; ich kann mich noch an EDV-Unterricht ohne Maus und mit bernsteinfarbener Schrift auf schwarzem Monitor erinnern. Und an Nadeldrucker mit Endlospapier. Die Druckqualität war ... öhömm, aber die Biester waren zuverlässig und sparsam im Unterhalt. Papier konnte man irgendwie ainwerfen, der Drucker hat sich das dann selbst zurechtgezuppelt.
In meinen jetzigen HP lege ich das Papier ohne Witz mit der Wasserwaage ein, da ich sonst sofort Papierstau habe...

Egal, back to topic und meiner Sippe mütterlicherseits: da von beiden Urgroßelternpaaren mütterlicherseits neben allerlei Unerfreulichem wie Morbus Bechterew, Psoriasis und diverse Krebserkrankungen zum Ausgleich recht ordentliche Haargene im Umlauf waren, gleichzeitig aber zwischen den Kriegen und in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg nicht viel Geld da war, um mit Mode, Schmuck oder Schminke (das hieß damals noch nicht Makeup) aufzutrumpfen, wurde dann von beiden Uromas sehr viel Wert auf ein ordentliches Erscheinungsbild mit einfachen Mitteln gelegt: Kleidung wurde abgeändert, aus ausgeribbeltem Kram neu gestrickt und bestickt (hier tat sich mein Opa als Handarbeitstalent hervor, trotz großer Pranken) und aus "organisiserten" Stoffen genäht (meine Mutter, Jahrgang 1942, erinnert sich an einen Wintermantel aus einer Pferdedecke, die meine Uroma den in der Nähe des Dorfes stationierten Amerikanern geklaut hatte, und wie dieser Mantel trotz Wäsche und Entflusens miefte und piekste), und großer Wert wurde auf gepflegtes und ordentlich frisiertes Haar gelegt.
Weils halt mirt wenig finanziellem Aufwandf machbar war, wenigstens auf dem Kopf ordentlich und halbwegs modisch auszusehen.

Gewaschen wurde in meiner Sippe nicht mit Seife, was damals auch durchaus üblich war, sondern mit Natron - no poo war zumindest auf niederrheinischen Dörfern bis in die 1960er der Normalfall; es wurde auch seltener gewaschen, selbst in den Städten: Lilo Aureden empfahl noch 1955 in dem Schönheitsratgeber "Schön sein, schön bleiben", dass eine gepflegte Dame in den Industriestädten im Ruhrgebiet ihre Haare am besten wöchentlich wäscht.
Der Normalfall war eine so häufige Haarwäsche nämlich nicht.
Fürs Protokoll: damals gab es keine Feinstaubfilter und ähnliches an den Schloten bei Thyssen-Krupp und Bayer, das Waschwasser hatte also durchaus Farbe (und vermutlich auch Konsistenz).

Als Kamm diente ein Kunststoffkamm, das war seinerzeit DER heiße Scheiß; außerdem konnte man ihn gut abwaschen, und so konnten mehrere Familienmitglieder den gleichen Kamm benutzen.
Mein Opa, der brillantineaffine Dandy, hatte einen eigenen.
Das Abwaschbarargument benutze ich heute noch, wenn mich jemand nach meiner innigen Liebe zur Plastikbürste und dem grobem Kamm aus recycletem Kunststoff fragt.

Stylingprodukte waren Brillatine, Pomade und Haarspray, als Gerätschaften gabs lediglich die Brennzangen und Lockenwickler in meiner Familie, "feinere" Leute hatten aber auch tolle Dinge wie Trockenhauben.

Schmuck gabs bei den Dörflern generell wenig, vielleicht das ein oder andere Steckkämmchen oder Spängchen, der Rest war vor dem Krieg in den Schmelzöfen gelandet.
Meine weibliche Verwandtschaft hat diesbezüglich leider nichts hinterlassen, keine über den Krieg geretteten Bakelitforken, keine Celluloidkämmchen, falls sie sowas überhaupt besessen haben.

Üblich waren diese Teile nämlich zu der Zeit schon noch, zumal viele Frauen auch noch lange Haare im Sinne von Haarforen hatten.
Klassische Länge war zum Beispiel zwar nicht der Normalfall, aber auch nichts Ungewöhnliches.

Die Mutter meines Opas hatte auf als ü70jährige noch einen dicken, dunkelgrauen Zopf bis Mitte Po, den sie meistens zu einem dicken Flechtdutt steckte.
Vermutlich mit langen Haarnadeln bzw. "Haarpfeilen", die man heute noch in vielen Friseurgeschäften kaufen oder bestellen kann - ich habe solche auch.

Die andere Uroma trug ebenfalls Zopf, jedoch meist als Hängezopf, Gretchenzöpfe oder um den Kopf gewickelt, und flocht auch ihren vier Enkelinnen die Haare so ein.

Französische oder holländische Zöpfe waren in unserem niederrheinischen Kuhkaff nicht verbreitet, aber um die Flechtfrisuren interessanter zu machen, verwendete Uroma K. die gleiche Technik, die man beim Ellingfraudutt oder authetisch gemachten Amish braids benutzt: ein am Ansatz geflochtener Englischer Zopf wird in einem weiter hinten angesetzten Zopf weitergeflochten; blöd zu erklären.
Ich hab mich gewundert und gefreut zugleich, als ich das gleiche Prinzip auf amerikanischen Frisurenseiten als luana braids wiedergefunden habe.

Für beide Urgroßmütter wären Haarforen und Youtube mit ihren abertausenden von Flechtfrisuren eine Offenbahrung gewesen.

Der Plan ging auf: die Frauen der Familie galten zwar nie als große Schönheiten (dafür waren sie alle zu klein und dick; ich schlage aus der Art, ich bin groß und dick), aber als anständig angezogen, gepflegt und vorzeigbar.

Männerfrisuren waren meist kurz und praktisch;  viele hatten ihre Frisur noch aus dem Krieg mitgebracht und aus Pragmatismus beibehalten; das Haar musste so kaum gewaschen, gekämmt oder gepflegt werden, nur ab und an geschoren, es gab keine Probleme mit Läusen, Pflege und man(n) sah "adrett" und ordentlich aus - politisch motivierte Gründe schließe ich tatsächlich weitestgehend aus; die Kriegsheimkehrer schwiegen sich überwiegend beschämt aus über den Holocaust, so auch mein Großvater, der seine Uniform in den Keller verbannte, da er als sparsamer Mensch keinen guten Stoff verschwenden und die uniform entsorgen wollte - nicht, wenn man daraus noch Plörren für die Blagen oder wenigstens eine Decke für den Hund nähen konnte.

Andere kehrten wieder zu ihren Vorkriegsfrisuren aus den 1920er und 1930er Jahren zurück - kurz, gepflegt, gerne mit Fett an den Kopf frisiert.

Auch ein möglicher Grund für die sehr kurz gehaltenen Männerhaarschnitte: da viele im nahen Ruhrgebiet in der Industrie oder in den örtlichen Zechen und nach Feierabend als Kleinstbauern mit Bergmannskuh (=Milchziege) und ein paar Hühnern wulackten - Arbeitssicherheit war damals ein Fremdwort, selbst bei Thyssen am Hochofen wurde weitestgehend ohne ernstzunehmende Schutzkleidung gearbeitet - war pflegeleichtes Haar, das sich nicht in Maschinen verfangen konnte und unter eine Mütze oder einen Helm gestopft werden konnte, auch eine Frage der Sicherheit.

Aus dem gleichen Grund kamen während der Kriegsjahre übrigens hier wie auch in den USA Haarnetze (snoods) und Hochsteckfrisuren für die in den Fabriken schaffemden Frauen auf - sie hielten das lange Haar außerhalb der Laufbänder und Maschinen.
Das war enorm wichtig, denn, um meinen alten Werklehrer in Bezug auf die Standbohrmaschine zu zitieren: Haarsträhnen reißen nicht, Kopfhaut schon.

Wer sich als Mann von Welt auf Schützenfest, Markt oder Kirmes zeigen wollte, brachte die Haare mit Brillantine und Pomade in Form; mein Opa kämmte seine gerne wellig, das zeigte Modeverständnis und Mühe und ließ meine Oma dahinschmelzen.

An dieser Stelle ein Dank an die Pomadenhersteller der 30er und 40er Jahre, ohne euch wäre ich heute nicht hier. XD

Tollen und Schmalzlocken kamen erst Jahre später an, auf dem platten Land war man der amerikanischen Mode doch etwas hinterher...

So, mehr fällt mir grade nicht ein, außerdem muss ich meinen Brotteig in den Ofen schieben...

Bis denne!